J. Beckmanns kultuelle und wissenschaftl. Bedeutung

Johann Beckmann begründete den neuen Wissenschaftszweig "Technologie" sowie eine kritische Analyse derselben im ökonomischen Sinne. Er gilt auch als Vater der Landwirtschaftswissenschaft, der Warenkunde und einer kritischen Technikgeschichtsschreibung, das heißt der Geschichte der Arbeit als wesentlichen Teil der Universalhistorie. Auch neuere Beiträge zur Technikphilosophie nehmen auf die "ganzheitliche" Konzeption oder das "technologische Paradigma" Beckmanns Bezug.


Johann Beckmann und die Landwirtschaftslehre

Beckmann war weit über Göttingen hinaus berühmt für seine "ökonomischen" Vorlesungen. Sie verbanden Theorie und Praxis des Landbaus sowie landwirtschaftlich geprägter Gewerbe. Beckmann richtete wie sein großes Vorbild Linné 1768 einen ökonomischen Garten ein. Seine "Grundsätze der teutschen Landwirthschaft" (1769, 6. Auflage 1806) waren lange Zeit ein Standardlehrbuch an zahlreichen deutschen Hochschulen und gelten als erster systematischer Aufriß der Landbauwissenschaften.

"Die Absicht gegenwärtiger Bibliothek ist, von den neuesten Schriften zur Naturkunde und Oekonomie, Nachrichten zu ertheilen. Zu jener rechnen wir hier, ausser der eigentlichen Naturlehre, auch alle Theile der Naturgeschichte; und unter der Oekonomie verstehen wir nicht allein die Landwirthschaft, die sich vornehmlich mit der Gewinnung der Naturalien beschäftigt; sondern auch die sogenannte Stadtwirthschaft, deren Hauptwerk die Verarbeitung der gewonnenen Produckte und der Handel ist. Alle diese Wissenschaften sind auf das genaueste mit einander verbunden, [...]" (I. Band, Vorbericht). Der lll. Band (1772, S. 162) enthält den bisher frühesten nachweislichen Beleg des Begriffes "Technologie" in Beckmanns Schritten.


Johann Beckmann und die Technologie


Ab 1771 hielt Beckmann außer über die Landwirtschaft Vorlesungen über die Stadtwirtschaft, die "Kenntniß der Handwerke, Fabriken und Manufacturen". Dies nannte er ab 1772 "Technologie". Auch im Rahmen dieser Vorlesungen arbeitete er praxisorientiert mit technischen Modellen und besuchte mit den Studenten Werkstätten und Fabriken.
Ab 1777 lehrte er Handlungswissenschaft, darunter Handels- und Warenkunde, Buchführung und Kameralwissenschaft. So hieß damals die Verwaltungslehre für angehende Staatsbeamte.
Im Jahre 1806 entwarf Beckmann eine allgemeine oder vergleichende Technologie. Sie ordnete und systematisierte nach Linnscher Art erstmals die Handwerke nach technischen Prinzipien: Glätten, Rauhen, Zerkleinern, Härten, usw. Seine Idee war: Was an der einen Stelle gut funktioniert, läßt sich vielleicht an einer anderen wiederholen. Wo gibt es gleiche oder ähnliche technische Probleme? Benutzt man überall die vorteilhaftesten Werkzeuge? Kann man durch Übertragung von Werkzeugen die Handwerke verbessern? Beckmann wollte, wie er sagte, "eine Übersicht gewähren, welche erfinderische Köpfe zu neuen nützlichen Verbesserungen hinleiten könnte". Den Begriff "Erfindung" gebrauchte er universell: sowohl für technische als auch soziale, kulturelle und institutionelle Innovationen. Nicht nur in dieser Hinsicht stand er seinem lebenslangen Freund August Ludwig von Schlözer (1735-1809) nahe.

 

Johann Beckmann - ein Vorläufer modernen vernetzten Denkens

Beckmann wollte seinen Hörern den Weg des Produktes vom Rohstoff über die Verarbeitung, den Verkauf, bis zum sachgerechten Verbrauch zeigen; er wollte sie auch in die vernünftige Führung des Haushalts eines Handwerkers, Landwirtes usw. im Kleinen wie des ganzen Staates im Großen einweisen. Ein Staatsbeamter sollte nicht nur ein guter Jurist sein. Er sollte auch wirtschaftliche und technische Fragen kompetent beantworten können.